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Dieses Erfolgserlebnis ist wichtig


«Natürlich haben wir es uns anders vorgestellt», sagt Karin Weigelt. Doch die 32-jährige Schweizer Nationalspielerin, die seit Sommer in der 1. Französischen Division bei Celles-sur-Belle spielt, relativiert den Saisonstart ihres neuen Teams. So seien die drei Heimspiele gegen die Topteams Metz, Brest und Nantes schwierig gewesen. Auch, weil die Equipe neu in die oberste Spielklasse aufgestiegen ist.

Die übrigen fünf bisherigen Partien – alle auswärts – waren resultatmässig eng «und hätten genauso gut für uns laufen können», sagt Weigelt. Daher ist ihre Rechnung einfach. «Um unser Ziel Ligaerhalt zu schaffen, müssen wir vor allem die Heimspiele gegen die direkte Konkurrenz gewinnen.» Am Wochenende erreichte die Mannschaft mit einem Erfolg beim Zweitligisten Merignac im Cup den Einzug ins 1/8-Finale. «Dieses Erfolgserlebnis ist wichtig», weiss sie.

Sehr professionell organisiert

Zuletzt spielte Karin Weigelt zwei Saisons beim norwegischen Spitzenteam Vipers Kristiansand. «Bereits vor zwei Jahren gab es Kontakte zu Celles-sur-Belle. Der Entscheid fiel jedoch auf Norwegen. Die Zeit sei damals noch nicht reif gewesen», sagt sie, und meint auch den Aufstieg der Französinnen in die 1. Division. Im neuen Umfeld hat sie sich gut eingelebt. Alles andere wäre wohl eine Überraschung. Immerhin tourt sie nicht erst seit gestern durch Handball-Europa. Die französische Liga sei sehr professionell organisiert, sagt sie. «Das hat mich anfänglich überrascht. » Alle Spielerinnen seien als Profi angestellt und jede Mannschaft dürfe nicht mehr als fünf Ausländerinnen beschäftigen. Dies schlägt sich nicht zuletzt auf den Erfolg des Nationalteams nieder. Unlängst gewann Frankreich an den Olympischen Spielen in Rio die Silbermedaille.

Kräftiger – dynamischer – höhere Sprungkraft

Diese Konstellation habe auch den Vorteil, dass oft am Morgen trainiert werde. Der Umfang der Einheiten sei zwar nicht höher als in der Deutschen Bundesliga oder in Norwegen, aber die einzelnen Komponenten würden anders verteilt. Das heisst: Steht morgens die Stabilität im Zentrum, wird bei den abendlichen Trainings das Augenmerk auf das rein Handballerische gelegt. Die hohe Professionalität zeigt sich ebenfalls darin, dass bei den Auswärtsspielen die Anreise beispielsweise in Kleinbussen jeweils am Tag zuvor angetreten und nach der Begegnung nochmals am Spielort übernachtet wird. Und wo liegen die handballerischen Unterschiede zu Norwegen? «Während dort grosser Wert auf die läuferischen Qualitäten mit klaren organisatorischen Regeln auf dem Spielfeld gelegt wird, musste ich mich in Frankreich erst an neue Begebenheiten und Freiheiten gewöhnen. Hier gibt es viele Spielerinnen mit schwarzer Hautfarbe. Sie sind kräftiger, dynamischer und besitzen auch eine grössere Sprungkraft. Das schlage sich in der Spielweise nieder. Die Individualität kommt stärker zum Tragen und bringe oft Überraschendes ins Spiel», sagt Weigelt.

Präsident an der Trommel

Und dennoch: Die Linkshänderin liebt neue Herausforderungen, fühlt sich in ihrem neuen Umfeld wohl. Auch im nur rund 3`735 Einwohner zählenden ungefähr eine Stunde von der Westküste Frankreichs entfernten Dörfchen Celles-sur-Belle. Hier kenne fast jeder jeden, sagt die 114-fache Internationale. Die Handballbegeisterung sei gross. Die zirka 1`500 Zuschauer fassende Halle war bisher praktisch immer ausverkauft. «Alle vom Verein arbeiten mit. Der Präsident und der Vizepräsident sind bei den Spielen an der Trommel zu finden», sagt Weigelt. Während die Ansagen im Team in Französisch erfolgen und die Schweizerin erst noch zweimal pro Woche von privaten Französischlektionen profitieren kann, unterhalten sich die fünf Ausländerinnen in Englisch. Die französische Sprache sei für sie am Anfang noch ab und zu ein «Chrampf» gewesen, sagt Karin Weigelt. Ebenfalls, weil ihr Norwegisch noch dann und wann in die Quere kam. Eine Spanierin, eine Bosnierin, eine Serbin und eine Spielerin aus Slowenien: Die Ausländerinnen verbringen oft die Freizeit miteinander, kochen zudem ab und zu füreinander. Ein Glas Wein darf auch nicht fehlen. Beim Essen ortet sie einen weiteren Unterschied zu Norwegen. «Bei Reisen mit der Mannschaft erhielten wir jeweils einen Teller Pasta oder Reis mit Hühnchen und nach 20 Minuten war es erledigt.» Hier dauert das ganze Prozedere nicht selten bis zu zwei Stunden. In Frankreich würden diese Momente zelebriert. Zuerst etwas Trinken, dann eine Vorspeise, Hauptgang, Dessert und Kaffee. Den französischen Charme, die Kultur, findet Karin Weigelt «wahnsinnig spannend.»

Endlich Playoffs mit der Nationalmannschaft

Im September hat sie ihre Masterarbeit abgegeben. Am Mittwoch geht es nach Deutschland zur Universität Koblenz für die finale Präsentation. Dann hat sie ihre Weiterbildung, das MBA für Sportmanagement, geschafft. Und weil Celles-sur-Belle verkehrsmässig relativ schlecht angebunden ist, die nächsten Flughäfen von Bordeaux oder Nantes zwei respektive eineinhalb Stunden entfernt liegen, reist sie mit dem TGV nach Deutschland.

Dann geht es weiter in die Schweiz und zur Nationalmannschaft mit zwei Testspielen in Slowenien. Ende November holt sich die Schweiz beim Lehrgang in Schaffhausen den letzten Schliff für die WM-Qualifikationsspiele in Minsk. «Da hoffen wir endlich einmal, uns für die Playoffs zu qualifizieren.» Ein Platz unter den ersten Zwei ist die Messlatte. Und Karin Weigelt wird bei den Partien gegen Weissrussland, Türkei und den Kosovo sicherlich eine Schlüsselrolle zukommen

Text: Ernesto Piazza

Bild: Adrian Ehrbar

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