Schweizer schreiben Geschichte, aber ohne Happy End
- Handballworld AG

- vor 24 Stunden
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Die Schweiz begeistert über weite Strecken und beendet die EM 2026 auf dem zwölften Platz. Sorgen machen allerdings die eklatanten Leistungseinbrüche, welche die Mannschaft von Trainer Andy Schmid sogar um ein deutlich besseres Abschneiden gebracht haben.
Text: Stephan Santschi Bilder: Kolektiffimages

Kreisläufer Lukas Laube traf gegen Island 5-mal.
Das Positive vorneweg: Die Schweiz hat an der Europameisterschaft 2026 nicht nur im eigenen Land, sondern auch bei der namhaften Konkurrenz für Aufsehen gesorgt. Ihre Auftritte gegen die Färöer Inseln (28:28) und Montenegro (43:26) in der Vorrunde, die Punktgewinne gegen Ungarn (29:29) und Island (38:38) in der Hauptrunde, die vorübergehende Neuntore-Führung gegen Slowenien (35:38) – das alles waren Spiele, in denen die Schweizer über weite Strecken grossartigen Handball gespielt haben. «Für uns ist diese EM eine Riesengeschichte, wir sind extrem zufrieden», sagt Luzia Bühler, Vize-Präsidentin beim Schweizerischen Handballverband.
Am Ende belegt die Schweiz im Teilnehmerfeld mit 24 Nationen den zwölften Rang und egalisiert damit ihr bestes Abschneiden an einem Kontinentalturnier aus dem Jahr 2004. Und doch passte die Gemütslage in der Mannschaft am Mittwochabend nicht ganz zum historischen Ergebnis. Grund hierfür war die Kanterniederlage zum Abschluss gegen Co-Gastgeber Schweden, gleich mit 21:34 ist die Schweiz deklassiert worden. «Wir haben nicht mehr gedeckt, sind nicht mehr gerannt, haben ziemlich schnell aufgegeben. Schade», resümierte Goalie Nikola Portner.

Rechtsaussen Gino Steenaerts traf gegen Island 6-mal.
Kompletter Einbruch gegen Schweden
Schier unfassbar wirkte der Einbruch der Schweizer, die wie in jeder der sieben EM-Partien ausgezeichnet gestartet waren. In der 24. Minute führten sie gegen ein blasses Schweden, das bereits vor dem Spiel keine Chance auf die Halbfinal-Qualifikation mehr gehabt hatte, mit 12:8. Die Abwehr stand extrem kompakt, Portner entschärfte reihenweise Abschlüsse aus dem Rückraum und vorne fanden sie mit traumwandlerischer Sicherheit zu Toren im 7-6-Überzahlspiel. Doch dann kassierte Gino Steenaerts eine vermeidbare Zweiminutenstrafe – und die Schweiz kollabierte.
Nichts ging mehr, die Strapazen der letzten Wochen machten sich in den Beinen und Köpfen bemerkbar. Die Art und Weise, wie jeder einzelne Akteur am Routinier im schwedischen Tor, dem 39-jährigen Andreas Palicka scheiterte, nahm beschämende Züge an. In der Statistik tauchten schliesslich 31 (!) Fehlwürfe auf, was einer Trefferquote von nur 40 Prozent entsprach. Zwischen der 24. und 51. Minute verbuchte die Schweiz einen 4:21-Lauf. «In der zweiten Halbzeit fehlten uns die Körner», befand Rückraumspieler Lenny Rubin, und Trainer Schmid hielt fest: «Unvorstellbar, dieser komplette Zusammenbruch.»
Fantastisches Spektakel gegen Island
Das Debakel gegen Schweden stand damit im Kontrast zur Partie einen Tag davor, als die Schweizer gegen den Halbfinalisten Island über weite Strecken führten und in einem Offensivspektakel ein 38:38-Unentschieden holten. Nur die Torhüterleistung fehlte in der zweiten Halbzeit. Portner fasste keinen Ball mehr an, der für den erkrankten Mathieu Seravalli nachnominierte Jannis Scheidiger wehrte einen Abschluss ab, sonst hätte die Schweiz dieses Spiel sogar gewinnen können. «Was für eine Willensleistung, ich bin unglaublich stolz», kommentierte Schmid.
Der 42-jährige Nationaltrainer, der nach dem elften WM-Rang vor einem Jahr mit seiner Auswahl erneut für Furore sorgte, mochte sich die Laune wegen der miserablen Derniere gegen Schweden nicht verderben lassen, mit der Entwicklung seiner Akteure ist er sehr zufrieden. «Ich fühle mich wohl, auch die Spieler fühlen sich wohl. Sozialer Zusammenhalt und Gemeinschaftsgefühl sind der Nährboden für gute Leistungen. Unser Herz und unsere Leidenschaft nehme ich mit auf den Heimweg», erklärte Schmid.

Lenny Rubin steht auf der Topscorerliste (nach der Hauptrunde) auf Rang 11.
Nun müssen die Schweizer stabiler werden
Kein Zweifel: Die begabteste SHV-Auswahl aller Zeiten hat den Grossen der Szene Paroli geboten. Aber: Nur wenig hat gefehlt, und sie hätte an diesem Turnier noch viel mehr erreichen können. Gegen die Färöer Inseln und Ungarn vergab sie im letzten Angriff jeweils naiv den Sieg, auch Island und Slowenien hätte man bezwingen können. Der Einzug in die Halbfinals, zumindest aber die direkte Qualifikation für die WM 2027, für die Rang sechs nötig gewesen wäre, lag in Reichweite, doch eklatante Leistungsschwankungen verhinderten den Exploit. Anders formuliert: Die Schweizer schrieben Geschichte, oft fehlte aber das Happy End. Letztlich gewann sie nur eines von sieben EM-Spielen. «Deshalb bin ich persönlich nicht zufrieden», vermerkte Portner.
Aufgrund des riesigen Talents geht zuweilen vergessen, dass Akteure wie Sigrist (20), Steenaerts (20), Seravalli (21), Aellen (22), Willecke (22), Leopold (23), Ben Romdhane (24), Laube (25), sowie Samuel (25) und Manuel Zehnder (26) noch immer (sehr) jung sind und ihre beste Zeit trotz gewaltiger Fortschritte noch vor sich haben dürften. Schlüsselspieler wie Portner und Manuel Zehnder reisten derweil nach langen Auszeiten mit sehr wenig Spielpraxis an die EM. Fest aber steht: Die Leistungen müssen künftig stabiler werden, konstanter über 60 Minuten, in ihren Klubs müssen die Nationalspieler nun weiter reifen und Erfahrungen sammeln.

Linksaussen Samuel Zehnder überzeugte jeweils mit einer hohen Abschlussquote.
Verband sorgt mit grossen Zielen für Druck
Der Druck jedenfalls wird nicht kleiner, dafür sorgt auch der Verband, der an der Heim-EM 2028 eine Medaille und damit auch die Reise an die Olympischen Spiele nach Los Angeles als Ziele deklariert hat. Zunächst steht aber die Qualifikation zur WM 2027 auf dem Programm, im Mai greift die Schweiz in der dritten und letzten Phase ins Geschehen ein. Der Gegner ist noch nicht bekannt, bereits jetzt ist aber klar: Mit dem neu gewonnenen Renommee werden wir der Favorit sein.
Schweiz – Island 38:38 (19:19) Malmö Arena. – 3470 Zuschauer. – SR Marín/Garcia (Esp). – Strafen: 6-mal 2 Minuten gegen Schweiz, 3-mal 2 Minuten gegen Island. – Schweiz: Portner (7 Paraden)/Scheidiger (1 Parade); Steenaerts (6), Sigrist (4), Aellen (5), Rubin (4), Leopold (7/2), Meister, Röthlisberger; Laube (5), Ben Romdhane (2), Maros (1), Kusio (2), Willecke (2), Manuel Zehnder. – Bemerkungen: Schweiz ohne Seravalli (krank), Küttel, Wanner (überzählig), Samuel Zehnder (nicht eingesetzt).
Schweiz – Schweden 21:34 (12:14) Malmö Arena. – 7689 Zuschauer. – SR Alvarez/Bustamante (Esp). – Strafen: 2-mal 2 Minuten gegen Schweiz, 1-mal 2 Minuten gegen Schweden. – Schweiz: Portner (8 Paraden)/Seravalli (2 Paraden); Steenaerts (2), Sigrist (1), Aellen (1), Rubin (6), Samuel Zehnder (4), Meister, Röthlisberger; Ben Romdhane (3), Maros, Laube, Kusio (1), Willecke, Leopold (1), Küttel (2). – Bemerkungen: Schweiz ohne Scheidiger, Wanner und Manuel Zehnder (überzählig). Portner pariert Penalty von Pettersson (13./5:4).
Alles über die Europameisterschaft 2026 lesen Sie im nächsten Handballworld Magazin.




















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