Schweizer bewegen sich zwischen Weltklasse und Mittelmass
- Handballworld AG

- vor 4 Tagen
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Die Schweizer halten an der Europameisterschaft auch in der Hauptrunde mit den Grossen mit, gegen Ungarn (29:29) und Kroatien (24:28) resultiert immerhin ein Punkt. Erneut bringen sie sich mit markanten Leistungsschwankungen aber um einen besseren Ertrag.

Luka Maros überzeugte mit 5 Treffern im Spiel gegen Vize-Weltmeister Kroatien.
Die Schweizer schafften an der Europameisterschaft Historisches, erst zum zweiten Mal haben sie die Hauptrunde der besten zwölf Teams erreicht. Damit gaben sie sich aber nicht zufrieden, im auf dem Papier einfacheren Tableau rechneten sie sich gute Chancen auf weitere Exploits aus. Und tatsächlich: Im Spiel am letzten Freitag gegen Ungarn verkörperte die Mannschaft von Nationaltrainer Andy Schmid zunächst die pure Weltklasse. Die Abwehr war stabil, Goalie Nikola Portner mit einer Fangquote von 39 Prozent fantastisch.
Das Gegenstossspiel funktionierte ebenso wie der Positionsangriff, selbst die bis dahin ungenügende 7-6-Variante überzeugte. Jeder Akteur reihte sich in die Torschützenliste ein, von jeder Position strahlten die Schweizer Gefahr aus. Ungarn, das in der Vorrunde die statistisch beste Abwehr gestellt hatte, wurde nach allen Regeln der Kunst zerlegt. 20:14 führte die Schweiz zur Pause gegen einen Kontrahenten, dem sie in der Qualifikation zur EM 2024 noch deutlich unterlegen war. «Es sollte möglich sein, dass wir es nach Hause bringen», befand Kreisläufer Lucas Meister zur Pause.

Nikola Portner überzeugte mit 12 Paraden im Spiel gegen Ungarn.
Erneut gibt die Schweiz klare Führung preis
Nach dem Seitenwechsel zeigten die Schweizer aber wie schon in der Vorrunden-Partie gegen Slowenien (35:38) ihr anderes Gesicht. War es damals ein Neuntore-Vorsprung gewesen, den man preisgegeben hatte, war es diesmal eine Führung mit sieben Treffern Differenz (38./25:18). Die Ungarn deckten nun deutlich aggressiver und brachten die Schweizer damit aus dem Tritt. So, wie vor der Pause jeder seinen Teil zum ausgezeichneten Eindruck beigetragen hatte, reihte sich nun jeder in die Mängelliste ein – ihre Hochs und Tiefs erlebt die Schweiz im Kollektiv. In der 57. Minute lag sie sogar im Rückstand (28:29). «Wir hatten wieder eine extrem schwierige Phase», bedauerte Schmid.
Die Schweizer machten erneut auch viele unerzwungene Fehler. Symptomatisch hierfür stand Spielmacher Felix Aellen, der in der ersten Halbzeit brillant performte und Meister im Stile von Andy Schmid bediente. In der zweiten Halbzeit warf er die Bälle aber zuweilen ins Nirgendwo. Trotzdem bot sich den Schweizern nochmals die Chance zur Wende, doch dann ereilte sie das zweite Déja-vu-Erlebnis an diesem Kontinentalturnier. Wie schon im Startspiel gegen die Färöer Inseln (28:28) vergaben sie im letzten Angriff den möglichen Sieg.

Samuel Zehnder traf sechsmal und war der überragende Torschütze gegen Vize-Weltmeister Kroatien.
Stürmerfoul statt Siegestreffer gegen Ungarn
War es damals Manuel Zehnder gewesen, der mit seinem überhasteten Abschluss dem Gegner noch die Chance zum Ausgleich serviert hatte, unterlief diesmal Mehdi Ben Romdhane der entscheidende Fauxpas. Die Schweizer agierten in den letzten Sekunden in Überzahl, doch anstatt den Ball laufen zu lassen, rannte Ben Romdhane in ein Stürmerfoul, vorbei war die Chance auf den Luckypunch. «Wir müssten das Spiel gewinnen», befand Torhüter Portner nach dem 29:29-Remis.
Und doch waren sie am Ende nicht wie nach dem Slowenien-Spiel am Boden zerstört. «Wir könnten auch zusammenbrechen. Deshalb sind wir sehr zufrieden mit dem Punkt», meinte Schmid. Fakt ist: Zum zweiten Mal dominierte die Schweiz ein Team aus der erweiterten Weltklasse, das stellt ihre grossen Fortschritte unter Beweis. Noch fehlt ihr aber das Selbstverständnis und die Abgezocktheit, um einen Grossen nicht nur zu distanzieren, sondern ihn trotz dessen Aufbäumen auch nicht mehr herankommen zu lassen und in die Knie zu zwingen.
Zum Abschluss warten «zwei geile Spiele»
Am Sonntag zog die Schweiz derweil den schwächsten Tag an dieser EM ein, nach einem fahrigen Auftritt verlor sie gegen Kroatien mit 24:28. Wieder war der Start formidabel, nach zehn Minuten führte sie mit 5:1. Ausgelöst durch einige streitbare Schiedsrichter-Entscheide, inklusive Zweiminutenstrafen, geriet die SHV-Auswahl aber aus dem Tritt. Nie kam sie in ihr Tempospiel, viele technische Fehler prägten die Offensive, völlig von der Rolle war beispielsweise der beste Schweizer Torschütze Lenny Rubin, der keinen seiner fünf Abschlüsse verwerten konnte.
Trotz des hektischen und zuweilen kopflosen Auftritts blieb die Schweiz gegen den Vize-Weltmeister lange im Spiel, bis zur 52. Minute betrug der Rückstand nur zwei Tore. Entsprechend bedient war Schmid nach Spielschluss: «Wir machten zu viele Fehler, die wir auf diesem Niveau nicht machen dürfen. Wenn wir uns an das Konzept halten, sind wir gut, diesmal hatte aber jeder eigene Ideen. Das frisst mich auf.» Nun müssen die Schweizer, die bisher starke Sprinter-, aber noch zu wenig Marathon-Qualitäten zeigten, die letzten Kraftreserven anzapfen. Mit Island (Dienstag, 15.30 Uhr) und Schweden (Mittwoch, 20.30 Uhr) warten zum Abschluss zwei Top-Gegner. «Das sind zwei geile Spiele, in denen wir wachsen und zeigen wollen, wie gut wir sind», sagt Kreisläufer Lukas Laube.

Noam Leopold netzte gegen Ungarn 6-mal für die Schweiz ein.
Schweiz – Ungarn 29:29 (20:14)
Malmö Arena. – 4327 Zuschauer. – SR Accoto Martins/Accoto Martins (Por). – Strafen: 4-mal 2 Minuten gegen die Schweiz, 2-mal 2 Minuten gegen Ungarn. – Schweiz: Portner (12 Paraden; 1 Tor)/Seravalli (1 Parade); Steenaerts (2), Ben Romdhane (4), Aellen (3), Rubin (7), Leopold (6/3), Laube (1), Röthlisberger; Küttel, Maros (2), Wanner (1), Manuel Zehnder, Meister (2), Willecke. – Bemerkungen: Schweiz ohne Sigrist (krank), Kusio (überzählig), Samuel Zehnder (nicht eingesetzt).
Schweiz – Kroatien 24:28 (11:13)
Malmö Arena. – 5480 Zuschauer. – SR Schulze/Tönnies (De). – Strafen: 5-mal 2 Minuten gegen die Schweiz, 3-mal 2 Minuten gegen Kroatien. – Schweiz: Portner (3 Paraden; 1 Tor)/Seravalli (4 Paraden); Steenaerts (2), Sigrist (2), Aellen, Manuel Zehnder (3), Samuel Zehnder (6/3), Meister, Röthlisberger; Rubin, Laube (2), Maros (5), Ben Romdhane (1), Kusio (2), Willecke. – Bemerkungen: Schweiz ohne Küttel, Wanner (überzählig) und Leopold (nicht eingesetzt). Slavic pariert Penalty von Samuel Zehnder (22./7:9).
Text: Stephan Santschi




















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