«Unglaublich unnötig» – Schweiz steht vor EM-Aus
- Handballworld AG

- vor 2 Stunden
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Die Schweizer führen gegen Slowenien mit neun Toren Differenz und müssen sich am Ende mit 35:38 geschlagen geben. Die Gratwanderung zwischen Genie und Wahnsinn wird ihnen zum Verhängnis.

Grosse Enttäuschung nach dem Spiel gegen Slowenien.
Am Yellow-Cup waren es Dellen, im Startspiel der Europameisterschaft gegen die Färöer Inseln (28:28) bereits ausgewachsene Beulen. Und in der zweiten EM-Partie gegen Slowenien führten die Konzentrationslücken schliesslich zu einem klaffenden Loch, zum Totalschaden. Trotz Neuntore-Führung (23:14) nach 34 Minuten verlor die Schweizer Nationalmannschaft mit 35:38. «Wir haben das Spiel im Griff, danach können wir uns nicht mehr aus der Abwärtsspirale herauskämpfen. Das ist unglaublich unnötig, ein Tiefschlag für uns alle», sagte Trainer Andy Schmid.
Die Schweizer befinden sich damit vor dem Aus in der Vorrunde, am Dienstag gegen Montenegro (20.30 Uhr, SRF 2) brauchen sie einen Kantersieg und gleichzeitig eine Niederlage der Färöer Inseln gegen Slowenien, um doch noch Platz zwei zu belegen. Die grossen Kontraste in den Auftritten der talentiertesten SHV-Auswahl aller Zeiten sorgen für Ratlosigkeit, gegen Slowenien folgte «auf die beste Halbzeit unserer gemeinsamen Zeit die schlechteste», wie Schmid meinte. Zunächst spielten sie den Olympia-Vierten des Jahres 2024 an die Wand, danach beschenkten sie ihn mit einer Fehlerorgie.

Die Schweizer Fans in Oslo, welche die Nati tatkräftig unterstützen.
Unfassbarer Einbruch nach der Pause
Alles, was Minuten zuvor noch ausgezeichnet funktioniert hat, wirkt im norwegischen Oslo auf einmal wie weggeblasen. Torhüter Nikola Portner besticht vor der Pause mit einer starken Abwehrquote von 36 Prozent. Danach bekommt er kaum einen Ball mehr zu fassen. Die Abwehr steht stabil, provoziert Stürmerfouls und löst zahlreiche Gegenstösse aus, später verliert sie den Zugriff. Vorne überrennen sie den Gegner mit Tempo und demütigen ihn mit einer guten Chancenauswertung. Nach dem Seitenwechsel greifen sie fahrig und kopflos an.
Klar, die Slowenen haben nichts mehr zu verlieren, setzen mit einem offensiven Abwehrsystem alles auf eine Karte. Das verunsichert die Schweizer auf dem Platz und an der Seitenlinie auch Schmid, der seiner Mannschaft nicht mehr die richtigen Lösungen an die Hand geben kann. «Zu früh» nehme er das erste Timeout (41./27:20), findet er nach Spielschluss selbstkritisch, mit Sicherheit entscheidet er sich zu spät für das zweite (60./35:37). Manuel Zehnder, der sein Team gegen die Färöer Inseln nach einem Sechstore-Rückstand zurückbrachte, wird diesmal zum Sicherheitsrisiko.
Auch gegen die Färinger verspielen sie den Sieg
Es ist dieser Grat zwischen Genie und Wahnsinn, auf dem die Schweizer wiederholt abrutschen. Ihre Auftritte enthalten eine enorm grosse Leistungsdiskrepanz. Sie balancieren zwischen Dominanz und Kontrollverlust, zwischen Selbstvertrauen und Verunsicherung, gegen Slowenien war sogar Überheblichkeit erkennbar. «Um dieses Spiel noch zu verlieren, muss wirklich einiges schiefgehen», bedauerte Schmid. Dazu gehörten mit den Norwegern Lars Jorum und Havard Kleven auch zwei schwache Schiedsrichter, die mit ihrer Spielleitung zuweilen völlig daneben lagen.
Auch gegen die Färöer Inseln kam es am Freitag zum Bruch, als die Schweiz nach der Pause den Faden verlor (13:19). Im Hexenkessel von Oslo mit 7000 heissblütigen Färinger Fans, die mit 26 Charterflügen und einer Fähre angereist waren, schaffte sie mit einer fantastischen Willensleistung und einem 8:0-Lauf zwar die Wende. 21 Sekunden vor Schluss führten die Schweizer mit 28:27 und waren im Angriff. Doch anstatt die Zeit herunterzuspielen, suchte Zehnder zu früh den Abschluss und scheiterte, prompt erzwangen die Nordländer drei Sekunden vor dem Abpfiff noch den Ausgleich.

Anweisungen vom Trainer an Manuel Zehnder, welcher gegen die Slowenen 5 und gegen die Färöer 6 Mal traf.
Erster Rückschlag für Trainer Andy Schmid
Anstatt in der Verbandsgeschichte den erst dritten Sieg an einer EM-Endrunde zu feiern, es wäre der grösste Erfolg überhaupt gewesen, kassierte die Schweiz gegen Slowenien eine «ganz böse Niederlage», wie Andy Schmid festhielt. Nach der Übernahme des Traineramts im Frühjahr 2024 muss er den ersten grossen Rückschlag hinnehmen. Es liegt nun an ihm und seinem Staff, die richtigen Lehren zu ziehen, das Ensemble mit Inputs nicht zu überfrachten, sondern ihm auch wieder die Basics in Erinnerung zu rufen. Im Handball verliert meistens jenes Team, das mehr Fehler macht. Und davon erlauben sich die Schweizer seit dem Yellow-Cup eindeutig zu viele.
SCHWEIZ - SLOWENIEN 35:38 (20:14)
MEN’S EHF EURO 2026 | Unity Arena, Baerum Oslo | 2’026 Zuschauende | SR: Jorum/Kleven (NOR)
Schweiz: Portner (11 Paraden/1 Tor), Seravalli; Meister, Rubin (4 Tore), Zehnder M. (5), Aellen (2), Röthlisberger, Küttel, Maros (2), Steenaerts (6), Laube (5), Sigrist (1), Zehnder S., Willecke, Leopold (6), Ben Romdhane (3).
Bemerkungen: 4 x 2 Minuten gegen die Schweiz, 4 x 2 Minuten gegen Slowenien. Die Schweiz spielte ohne Kusio und Wanner (beide überzählig), Portner spielte sein 150., Röthlisberger und Küttel ihr 100. Länderspiel für die Schweiz.
FÄRÖER - SCHWEIZ 28:28 (15:13)
MEN’S EHF EURO 2026 | Unity Arena, Baerum Oslo | 7’216 Zuschauende | SR: Erdogan/Özdeniz
Schweiz: Portner (13 Paraden/1 Tor), Seravalli; Meister (1 Tore), Rubin (5), Zehnder M. (6), Aellen (2), Röthlisberger, Küttel, Maros, Steenaerts, Laube, Sigrist (3), Zehnder S., Willecke (1), Leopold (7), Ben Romdhane (2).
Bemerkungen: 4 x 2 Minuten gegen die Schweiz, 2 x 2 Minuten gegen die Färöer. Die Schweiz spielte ohne Kusio und Wanner (beide überzählig).
Hier geht’s zur Tabelle: www.eurohandball.com
Text: Stephan Santschi Bilder: Alexander Wagner




















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