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«Komplett unvergesslich»

Die Schweiz schlägt Österreich zum Auftakt der WM sensationell mit 28:25 und steht bereits mit einem Bein in der Hauptrunde. Schier unglaublich verlief die überstürzte Anreise nach Ägypten.


Stephan Santschi



Fantastisch, historisch, wunderbar! Die Schweizer Handball-Nationalmannschaft schreibt Verbandsgeschichte, an der Weltmeisterschaft in Ägypten gewinnt sie das Auftaktspiel der Vorrundengruppe E gegen Österreich mit 28:25. Dabei war die Schweiz doch gar nicht qualifiziert gewesen, kam nur dank dem coronabedingten Rückzug der USA äusserst kurzfristig zur ersten WM-Teilnahme seit 1995. Chaotisch waren die letzten Tage, von einer geordneten Vorbereitung konnte keine Rede sein, umso mehr wiegt dieser grossartige Erfolg, welcher der Schweiz sehr gute Aussichten auf das Erreichen der Hauptrunde beschert. «Ich empfinde grosse Zufriedenheit und Stolz. Nach diesen zehn sehr mühsamen Stunden der Anreise war das ein grosser Fight», sagte Nationaltrainer Michael Suter und er hielt fest: «Wir haben diesen Tag schon vor dem Spiel zu unserem Ereignis gemacht. Mit diesem Sieg wird er nun komplett unvergesslich.»


Schweiz korrigiert Fehlstart schnell

Zunächst musste man allerdings um die Schweizer bangen, die Startphase missriet, die Unannehmlichkeiten in Folge der unverhofften Nachnomination steckten noch in Beinen und Köpfen. Nach fünf Minuten führten die Österreicher mit 3:0, standesgemäss, denn trotz gewichtiger Absenzen war der EM-Achte des letzten Jahres zu favorisieren. Die SHV-Auswahl nutzte aber eine gegnerische Zweiminuten-Strafe zum 2:3-Anschluss und fand danach über eine sehr solide Deckung ins Spiel. In der ersten Halbzeit entwickelte sich ein Kopf-an-Kopfrennen, mit einem 13:13-Remis ging es in die Pause. Suter überraschte dabei in seiner Startaufstellung mit dem 19-jährigen Mehdi Ben Romdhane und dem 20-jährigen Samuel Zehnder auf der linken Angriffsseite.


Nach dem Seitenwechsel drückten die Schweizer aufs Tempo. Sie waren es nun, die nach fünf Minuten eine Dreitore-Führung herausgespielt hatten (17:14), später erhöhten sie diese sogar auf fünf Treffer. Obwohl Suters Team zwischenzeitlich in der Offensive etwas den Faden verlor, liess es die erstaunlich wirkungslosen Österreicher mit den beiden Schaffhausern Lukas Herburger und Sebastian Frimmel nicht mehr herankommen. Während die Schweizer Defensive vom Innenblock Samuel Röthlisberger/Michal Svajlen magistral orchestriert wurde und beim Gegner einige Stürmerfouls provozierte, gefielen im Angriff neben Spielmacher Andy Schmid vor allem Lenny Rubin mit Wurfkraft im linken Aufbau und Cédrie Tynowski mit viel Geschick am rechten Flügel.


WM-Qualifikation zwei Tage vor erstem Spiel

Der erste WM-Sieg seit 26 Jahren war letztlich aber das Werk eines harmonierenden Kollektivs, das sich gegen alle Widerwärtigkeiten stemmte und für einen ganz grossen Moment im Schweizer Handball sorgte. «Ich kann es gar nicht glauben. Wir zeigten Willen und unfassbaren Kampfgeist», schwärmte Kreisläufer Alen Milosevic, derweil Trainer Suter dieses Spiel als «das wichtigste für viele unserer Jungs und für mich selbst als Trainer» einstufte. So gross die Freude über den Exploit war, so schwierig war, wie erwähnt, die unmittelbare Zeit davor. Erst am Dienstag um 22 Uhr erfuhren die Spieler, dass die Schweiz für die USA einspringen würde, 44 Stunden später stand in Ägypten bereits die erste Partie gegen Österreich auf dem Programm. Innert kürzester Frist musste also das Aufgebot erstellt, die Reise gebucht und die mittlerweile zum Standardprogramm gehörenden PCR-Tests durchgeführt werden. Letztere wurden zwei kerngesunden Akteuren, den Schaffhausern Luka Maros und Jonas Schelker zum Verhängnis, sie mussten zu Hause bleiben.


Doch auch als die Schweizer Delegation am Donnerstagmorgen im Flugzeug sass, kam es zu weiteren Komplikationen. Der Flieger hob wegen Schneefalls verspätet in Zürich ab. Und endlich in Kairo gelandet, warteten gleich auf dem Rollfeld weitere Schnell- und PCR-Tests auf die Reisegruppe. Da die Partie gegen Österreich bereits um 19 Uhr Ortszeit angepfiffen wurde, fuhr der Teambus hinter der Polizei mit Blaulicht und Sirene direkt vom Flughafen in die Sporthalle, anstatt im Hotel einen Zwischenhalt einzulegen. Zwei Stunden vor der Partie kamen die Schweizer an, nahmen noch einen Snack zu sich, 60 Minuten vor dem Beginn traf das Gepäck ein, dann galt es bereits ernst. «Am Morgen standen wir bei minus zwei Grad noch in Zürich im Schnee. Das darfst Du ja eigentlich niemandem erzählen. Wahnsinn!», sagte Milosevic. Dem ist nichts hinzuzufügen.



Norwegen erleidet ersten Rückschlag

Die Schweiz kann sich nach dem Startsieg gegen Österreich einen Tag Erholung gönnen, ehe es am Samstag mit dem Spiel gegen Norwegen weitergeht (20.30 Uhr, live auf TV24). Ebenso wie am kommenden Montag gegen Rekord-Weltmeister Frankreich (18 Uhr, live auf TV24) ist die Schweiz auch gegen den zweifachen Vize-Weltmeister Norwegen klarer Aussenseiter. Sie wird die Herausforderungen aber mit breiter Brust und viel Motivation antreten können, denn dank dem 28:25-Sieg im wegweisenden Spiel gegen Österreich stehen die Chancen auf den Vorstoss in die Hauptrunde der letzten 24 sehr gut. Aus jeder Vorrunden-Gruppe kommen nämlich die besten drei Teams weiter und Rang drei dürfte der Schweiz nun kaum mehr zu nehmen sein.


Im zweiten Vorrundenspiel der Gruppe E am Donnerstag gewann Frankreich gegen Norwegen mit 28:24. Damit müssen die Skandinavier um Superstar Sander Sagosen und dem unverwüstlichen Bjarte Myrhol (38-jährig), die nach zweimal WM-Silber nun den obersten Platz auf dem Podest anvisieren, bereits den ersten Rückschlag hinnehmen. Gegen die Schweiz, welche sie 2018 im Playoff zur WM 2019 ausschalteten, stehen die Norweger unter Zugzwang.



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