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Schweizer zeigen eine fantastische Reaktion

Die Schweiz ringt Olympiasieger Frankreich ein 26:26-Remis ab und rehabilitiert sich für die peinliche Startschlappe gegen Deutschland. Trotzdem ist die Chance auf das Weiterkommen in die EM-Hauptrunde wohl nur theoretischer Natur.


Text: Stephan Santschi Bilder: Foto Wagner


Andy Schmid (links) und Lukas Laube (rechts) an der Euro gegen Frankreich.


Wieder war eine Halle prall gefüllt, diesmal zwar nicht in Weltrekord-Manier wie am Mittwoch in Düsseldorf, doch auch die Arena in Berlin platzte am Sonntag mit 13'500 Menschen aus allen Nähten. Diesmal war das Gros des Publikums, anders als im EM-Eröffnungsspiel gegen den Gastgeber, auf der Seite der Schweizer. Fantastisch, wie die deutschen Zuschauer gemeinsam mit dem roten Block der helvetischen Supporter die SHV-Auswahl zum Exploit pushten. Am Ende erzwang der Underdog gegen den Olympiasieger aus Frankreich ein grossartiges 26:26-Remis. Doch alles der Reihe nach.

Der Frust war enorm nach dem komplett verpatzten Spiel gegen Deutschland (14:27). Die Schweizer hatten in der Offensive versagt und so wenig Tore geschossen wie seit 25 Jahren nicht mehr. «Wir waren in einer Schockstarre, gerieten in eine Negativspirale, aus der wir nicht mehr herauskamen. Es war peinlich, wir alle haben nicht gut geschlafen», sagte Rückraumspieler Lenny Rubin stellvertretend für sein Team. Auch wenn die Aufgabe gegen Frankreich nicht minder gross schien, auch wenn die Schlüsselspieler Andy Schmid und Nikola Portner angeschlagen waren, strebten die Schweizer nach einer Reaktion – für ihre Anhänger und sich selbst.


Weltklasse: Schmid und das Spiel mit dem Kreis

Und tatsächlich: Ab der ersten Minute präsentierte sich die Schweizer Nationalmannschaft in einer ganz anderen Verfassung als noch vier Tage zuvor. Ohne übertriebenen Respekt vor dem Gegner und ohne Angst vor der eigenen Courage rief sie ihr Potenzial auf eine Weise ab, wie sie es seit drei Jahren und der WM 2021 in Ägypten nicht mehr getan hat. Die Abwehr bremste die französischen Superstars um Dika Mem, Nedim Remili und Ludovic Fabregas im 6:0-Verbund aus, Goalie Portner streute immer wieder aussergewöhnliche Paraden ein. Der Angriff versprühte derweil wieder jene Unbeschwertheit und Spielfreude, mit denen er am Yellow Cup die Herzen erobert hatte.

Andy Schmid, der 40-jährige Maestro, hatte besonders unter dem Fiasko gegen Deutschland gelitten, die missglückte Rückkehr in jenes Land, in dem er zwölf Jahre seiner Karriere verbracht und die grössten Erfolge gefeiert hatte, schmerzte ihn sehr. Gegen Frankreich zeigte sich der Spielmacher wieder in alter Stärke. Grandios, wie er Regie führte, wie er die französische Abwehr narrte, wie er immer wieder den Kreisläufer freispielte. Prompt avancierte Lukas Laube mit neun Toren zum «Player of the Match», auch sein Kreisläuferkollege Lucas Meister traf drei Mal.


Sonderbar: Das Reservisten-Dasein von Manuel Zehnder

Zur Pause lagen die beiden Teams beim Skore von 14:14 gleichauf. Nach dem Seitenwechsel ereilte die Schweizer eine kleine Schwächephase, bis zur 40. Minute gerieten sie mit vier Toren in Rückstand (16:20). Anders noch als in der Partie gegen Deutschland setzten sie nun aber vermehrt auf eine ihrer Stärken, das 7:6-Überzahlspiel im Angriff. Und: Nationaltrainer Michael Suter schickte Manuel Zehnder für Nicolas Raemy in den rechten Aufbau. Zehnder, immerhin aktueller Torschützenleader in der Deutschen Bundesliga (!), sitzt unter Suter zunächst meistens auf der Ersatzbank. Dabei können wir auf einen Mann mit seinen Qualitäten eigentlich nicht verzichten.

Die Schweiz steigerte sich in der Folge, spielte im Angriff mit Ruhe, Übersicht und Geduld, auch die Abwehr liess wieder ihre Muskeln spielen. In der 53. Minute gelang Manuel Zehnder der Ausgleich zum 24:24. Die Sensation in Form eines Punktgewinns rückte in Reichweite, die Halle mutierte zum Hexenkessel. Eine Minute vor Schluss schien das Pendel aber wie an der WM 2021, als die Schweiz den Franzosen mit 24:25 unterlag, zugunsten des Favoriten auszuschlagen. Laube erhielt eine Zweiminutenstrafe, Melvyn Richardson trat zum Siebenmeter an, hatte beim Stand von 26:26 den Siegestreffer in der Hand. Doch der Ball landete am Pfosten.


Gefordert: Ein Kantersieg gegen Nordmazedonien

Nun hatte die Schweiz sogar noch die Chance auf den Sieg, agierte aufgrund der Unterzahl aber vorsichtig, der letzte Abschluss von Schmid landete in den Fängen des starken Keepers Samir Bellahcene. Dann war Schluss, die Schweizer feierten tanzend im Kreis und waren vor allem eines: erleichtert. Die Rehabilitation ist geglückt, die Schweiz ist definitiv im Konzert der Grossen angekommen. «Vom Himmel in die Hölle, und wieder zurück – das ist Spitzensport», sagte Schmid gegenüber SRF, und Portner hielt fest: «Unglaublich, absurd, diese Leistung ist schwierig zu erklären. Sie sollte uns als Lektion dienen, was möglich ist, wenn man daran glaubt.»

Das Weiterkommen in die EM-Hauptrunde ist dank diesem Remis zwar nicht unmöglich, aufgrund des schlechten Torverhältnisses allerdings wohl nur noch theoretischer Natur. Die Schweiz muss am Dienstag Schlusslicht Nordmazedonien schlagen (18 Uhr, SRF 2), gleichzeitig auf einen Sieg von Tabellenführer Deutschland gegen Frankreich hoffen und überdies 23 Tore auf die Franzosen aufholen.


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