Erster Punkt an einer EM-Endrunde und ein Aus mit grossem Lerneffekt

«Wenn wir ein Spiel gewinnen, ist das eine Sensation», betonte Martin Albertsen im Vorfeld dieser Europameisterschaften immer wieder. Und es war auch sein Statement, an der letzten offiziellen Pressekonferenz, kurz bevor das Team nach dem Vierländerturnier in Spanien von Torrevieja Richtung Ljubljana abreiste. In der letzten Vorrundenbegegnung gegen Kroatien fehlten den Schweizerinnen beim 26:26 (12:14) zwei Sekunden, um diese Sensation tatsächlich zu schaffen.


Text: Ernesto Piazza Bilder: kolektiffimages.com


Martin Albertsen litt an der Aussenlinie mit, nahm in der zweiten Hälfte schon nach acht Minuten das Timeout. Vier Tore (14:18) lag die Schweiz zu diesem Zeitpunkt zurück. Vier Treffer (17:21) betrug der Rückstand auch nach 45 Minuten. Ein nächstes Timeout folgte. Dann kam die siebte Feldspielerin – und die Schweiz zurück in die Partie. Auch, weil in der Deckung deutlich mehr Bewegung war, viel resoluter zugepackt wurde. Und auch, weil Manu Brütsch, die in der letzten Viertelstunde ins Tor kam, einige wichtige Chancen wegnahm. Die Begegnung schien zu kippen, zwei Minuten vor Ende führte plötzlich die Schweiz mit zwei Treffern. Doch es sollte nicht sein mit dem ersten Sieg an der ersten EM - trotz grossem Kampf und toller Moral.


«Ich bin sehr, sehr stolz auf die Mädels»

In den letzten Minuten fuhren die Gefühle auch mit Martin Albertsen Achterbahn. Erst noch ballte er beide Fäuste, schrie die Emotionen raus, nachdem Mia Emmenegger die Schweiz zwei Minuten vor Schluss mit ihrem siebten Treffer 26:24 in Führung brachte. Um nach der Schlusssirene auf der Schweizer Bank auf einem Stuhl sitzend, für einen Moment in sich gekehrt, nur noch den Kopf zu schütteln, weil der zweite Punkt weggerutscht war und weil das Unmögliche sogar greifbar war.


Wer den Dänen kennt, der weiss: Er greift stets nach dem Maximum. Albertsen wollte nicht «nur» den Sieg, sondern einen Erfolg mit vier Toren Differenz. Dieser wäre gleichbedeutend gewesen mit dem Einzug in die nächste Runde. Deshalb ging er mit seinem Team in der Schlussphase ins Risiko, deckte offensiver, um bei den Kroatinnen Ballverluste zu provozieren. «Hätten wir «nur» gewinnen müssen, hätten wir dies auch geschafft», war der Schweizer Headcoach hinterher überzeugt.


Natürlich war Albertsen danach «ein wenig enttäuscht». Dennoch schaut er nicht an der Realität vorbei, und sagt: «Wir haben zwar einen Punkt verloren, aber den ersten Zähler in der Geschichte des Schweizer Frauenhandballs an einer EM-Endrunde gewonnen.» Und dies erst noch mit einem sehr jungen Team. «Ich bin sehr, sehr stolz auf die Mädels», zollt er der ganzen Truppe ein dickes Kompliment. «Es ist ein Wahnsinn, was sie geleistet haben. Das macht mich im Herzen glücklich.» Und die Schweiz hat auch bei anderen Mannschaften eine gute Visitenkarte hinterlassen. «Wir spüren viel Respekt und Anerkennung», so Albertsen.


An vielen Erfahrungen reicher

Mia Emmenegger war mit sieben Treffern die beste Schweizer Torschützin. «Ein Punkt gegen Kroatien mitzunehmen, ist grossartig», sagt sie. Natürlich sei kurz nach Ende dieser hektischen Schlussphase die Enttäuschung da gewesen. «Aber nach einigen Momenten überwiegt sicherlich die Freude. Wir können auf unsere Leistung stolz sein.» Und Tabea Schmid erklärt: «Wir wussten, dass uns ein hartes Spiel bevorstehen würde. Aber gleichzeitig wussten wir um unsere Chance, gegen Kroatien zu gewinnen.» In der ersten Halbzeit hätten sie zwar nicht so konzentriert gespielt. Und auch zu Beginn der zweiten Hälfte wären sie in ein kurzes Loch gefallen. «Ich bin aber sehr stolz auf die tolle Reaktion, die wir die wir gezeigt haben. Wir nehmen viel Positives aus dieser EM mit.»


Wenn man diese drei EM-Partien nochmals Revue passieren lässt, stellt man fest: Ein Weiterkommen war viel näher, als man es wohl allgemein vor dem Turnier erhoffen mochte. Da war die erste Partie gegen Ungarn und die verflixten fünf Minuten, wo die Schweizerinnen die greifbar nahe Sensation wegschenkten. Gegen das absolute Topteam Norwegerinnen hingegen blieb das Team chancenlos. Und dann die Kroatien-Begegnung: Mit dem ersten EM-Punkt überhaupt, aber mit der Enttäuschung auch, bei dieser Premiere erneut einen Exploit in Form eines Sieges hergegeben zu haben.


Luft nach oben ist vorhanden

Diese EM hat allerdings auch gezeigt, dass die Schweiz noch ein Wegstück zu gehen hat, bis sie dort ankommt, wo Albertsen mit seinem Team hingehen will. Im Vergleich zu den Topmannschaften wie Norwegen, Dänemark, die Niederlande, Frankreich oder Schweden fehlt der Schweiz beispielsweise noch mehr Power, um aus dem Rückraum, aus acht, neun Metern auch einfache Tore zu werfen. Wobei Daphne Gautschi – sie wurde gegen Kroatien zur besten Spielerin gewählt - ihre grossen Möglichkeiten, andeutete, mit ihren 22 Jahren mitten in ihrem Entwicklungsprozess steht. Zudem war es nicht selbstverständlich, dass sie nach ihrer langwierigen Thrombose-Erkrankung überhaupt diese Leistung in Ljubljana abzurufen vermochte. Eine Charlotte Kähr hat bestimmt noch weiteres Potenzial und wenn Celia Heinzer tatsächlich wieder fit ist, kommt zusätzliche Wurfkraft aus dem Rückraum.


Und was die Schweiz ebenfalls braucht, will sie sich den Topnationen weiter nähern, ist eine noch breitere Qualität auf der Torhüterinnen-Position. Lea Schüpbach wechselte auf diese Saison hin von Bad Wildungen zu Metzingen und bleibt somit in der Deutschen Bundesliga. Manu Brütsch, spielt weiterhin in Bad Wildungen und war an der EM «da», als ihr Einsatz gefragt war. Was in zwei Jahren allerdings ist, wenn sie das Alter von 40 Jahren erreicht hat, ist ungewiss. Wobei sich hier ein Vergleich mit dem Fussball heranziehen lässt. Dino Zoff holte als Torhüter und Kapitän von Italien in diesem Alter noch den WM-Titel.


Wichtig dürfte so oder so sein, dass man bei der Schweiz künftig auf die Weiterentwicklung der Torhüterinnen einen starken Fokus setzt. An der EM hat man noch und noch gesehen, dass exzellente Leistungen auf dieser Schlüsselposition entscheidend sind, will man gerade enge Spiele gewinnen. So kann beispielsweise Norwegen mit Silje Solberg und Katrin Lunde auf zwei Weltklasse-Keeperinnen zählen. Aber auch Dänemark, Spanien oder Frankreich repräsentieren auf dieser Position Extraklasse.


Gerüst steht – Mischung stimmt

Tabea Schmid und Mia Emmenegger rückten sich an dieser EM zweifellos ins internationale Rampenlicht. Nuria Bucher, Alessia Riner, Sev Albrecht oder Malin Altherr sind ebenfalls keine 20 Jahre alt. Kerstin Kündig ist der Kopf der Mannschaft. Weitere Spielerinnen drängen nach. Die Concordia Akademie der Frauen des SHV im Oym in Cham trägt langsam Früchte. Eine positive Erkenntnis dieser Titelkämpfe ist auch – speziell mit Blick auf 2024, wo die EM in der Schweiz, in Österreich und in Ungarn stattfinden wird -, dass ein passendes Gerüst von jungen «Wilden», gepaart mit Routiniers steht. Eine ideale Mischung, die in Ljubljana zwar Hochs und Tief durchlebte, aber immer als Einheit auftrat. Als Einheit, die gewillt war, zu liefern. Aber auch zu lernen, Erfahrungen zu sammeln. Mit einem Durchschnittsalter von nur wenig über 20 Jahren gehört die Schweiz an dieser EM zu den absolut jüngsten Teams. Und so sagte der kroatische Teamchef an der Pressekonferenz hinterher sicherlich zurecht. «Die Zukunft gehört der Schweiz.»

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