«Wer keine grossen Ziele hat, wird nie Excellence erreichen»
- vor 4 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Die Schweiz ist in der WM-Qualifikation überraschend an Italien gescheitert. Verbandspräsident Pascal Jenny spricht über seine Enttäuschung, stärkt Cheftrainer Andy Schmid den Rücken und wünscht an der Heim-EM 2028 eine Euphorie, wie sie derzeit das Eishockey-Nationalteam schafft.

Trotz Enttäuschung blickt Verbandspräsident Pascal Jenny entschlossen Richtung Heim-EM 2028.
Mit ein paar Tagen Distanz: Welche Emotionen löst das Schweizer Scheitern in der WM-Qualifikation bei Ihnen aus?
Pascal Jenny: Nach den letzten Erfolgen ist es eine grosse Enttäuschung. Wenn ich den Hut als SHV-Präsident anziehe, halte ich fest: Eines unserer strategischen Ziele ist die konstante Teilnahme an Europa- und Weltmeisterschaften, das haben wir verpasst. Mit etwas Distanz soll aus dem Frust aber eine Jetzt-erst-recht-Mentalität entstehen. Die Nicht-Qualifikation muss ein Weckruf sein, damit wir unsere Entwicklung auf allen Ebenen noch konsequenter vorantreiben.
Was ist aus Ihrer Sicht schiefgelaufen?
Rein sportlich ist die Abwehr nicht auf ihr übliches Rendement gekommen. Das war überhaupt nicht zu erwarten. Im Handball ist vieles nicht voraussehbar, doch wenn man eine gute Abwehr hat, stellt man diese im Normalfall immer hin. Deshalb hat die Nationalmannschaft die Riesenchance verpasst, an der WM 2027 die nächsten Erfahrungen zu sammeln, um für die Heim-EM 2028 eine ideale Ausgangslage zu schaffen.
Die Schweiz brachte im WM-Playoff nicht dieselben Emotionen auf den Platz wie Italien. Weshalb?
Es ist nicht meine Aufgabe, die Emotionalität zu beurteilen. Aber ich fordere eine selbstkritische Analyse ein. Die Nationalspieler sind sichtbare und richtig gute Vorbilder. Wenn die emotionale Bereitschaft fehlt, um sich für die WM 2027 in Deutschland, die grösste Weltmeisterschaft überhaupt, zu qualifizieren, haben wir den Fokus nicht richtig gesetzt.
Wie beurteilen Sie die Arbeit des Coaching-Staffs rund um Cheftrainer Andy Schmid?
Der Zentralvorstand und explizit ich als Präsident haben Andy den Rücken gestärkt. Wir ermöglichen ihm ab Sommer ein Doppelmandat als Klubtrainer, wir haben vollstes Vertrauen in ihn und seine Fachkompetenz. Auch nach der Niederlage gegen Italien stehen wir zu 100 Prozent hinter ihm und seiner Philosophie. Klar erwarte ich eine professionelle Aufarbeitung dieser Nicht-Qualifikation. Wenn ich das Interview von Andy nach dem Spiel höre, zweifle ich nicht daran, dass er dies auch tun wird.
War die Auswahl des Zürcher Hallenstadions die richtige Wahl für das Heimspiel? Wäre eine Hexenkessel-Atmosphäre in einer kleineren Arena wie in Kriens nicht besser gewesen?
Ich liebe diese Frage (schmunzelt), aber ich sehe es komplett anders. Ein Länderspiel ist ein Highlight und dafür wollen wir die grosse Bühne. Klar hätte es in der Krienser Pilatus Arena oder anderswo ein Hexenkessel sein können. Doch dafür wollten wir die guten Feedbacks im Hallenstadion nicht opfern. Zumal die Stimmung auch in Zürich gut war. Die Unterstützung half der Mannschaft, nach einem schwierigen Start zurückzukommen.
Welche guten Feedbacks sprechen Sie an?
Wir wollen zu 20 Prozent auch Leute im Publikum haben, die nichts oder nur am Rande etwas mit Handball zu tun haben. Wir möchten Familien in die Halle bringen, die erstmals diese mega dynamische Sportart live erleben. Das hat ausgezeichnet funktioniert. Unsere Vision besagt, dass wir national präsenter werden wollen. Und dafür ist das Zürcher Hallenstadion mit seiner Grösse für Topspiele der Männer-Nationalmannschaft der richtige Ort.
Wird sich der Verband wie 2025 um eine der beiden WM-Wildcards bemühen?
Kein Kommentar.
Ein heikles Thema?
Nicht heikel, aber das ist ein Thema, über das man nicht in der Öffentlichkeit redet. Oder erst dann, wenn die Wildcard zu uns kommt.
Was bedeutet das Fehlen an der WM 2027 für den Schweizer Handball generell?
Es ist ein herber Dämpfer für die Glaubwürdigkeit und die Attraktivität der Nationalmannschaft und unserer Topliga. Unserer Community und unseren Partnern fehlt ein extrem wichtiges Schaufenster. Nun müssen wir das Feuer auf eine andere Art entfachen. Wir lassen uns vor der Heim-Euro auch ohne Ernstkämpfe nicht stoppen. Wir gehen unser Legacy-Programm zur nachhaltigen Entwicklung des Handballs umso intensiver an. Wir wollen die Menschen ins Stadion bringen, wie es aktuell die Eishockey-WM vormacht.
Was heisst das konkret?
Die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft spielt in der Swiss Life Arena in Zürich, wo auch wir an der Euro 2028 unsere Heimspiele haben werden. Auch wir wollen, dass im Eröffnungsspiel 10'000 Fans in roten Leibchen minutenlang hüpfen und «wer nid gumpet, isch kei Schwiezer» singen. Auch beim Eishockey sind derzeit viele Besucher, die sonst nicht regelmässig an Spielen sind.
Sie liebäugeln mit einer Medaille an der EM 2028. Sind Ihre Erwartungen zu gross?
Wer keine grossen Ziele hat, wird nie Excellence erreichen – davon bin ich überzeugt. Wir haben mittlerweile eine Breite und ein Talent in der Nationalmannschaft wie nie in den letzten Jahrzehnten. Mut ist Teil meiner DNA, andere in der Handball-Schweiz haben diesen Mut auch. Eine EM-Medaille ist die logische Spitze unserer Ambitionen. An der Euro 2028 sollen die Spieler auf dem Feld in Bestform auftreten. Das darf nicht nur eine Aussage, sondern muss ein Bekenntnis sein.
Text: Stephan Santschi Bild: Foto Wagner




















Kommentare