Sportliches Desaster – genügsame Schweizer verpassen die WM
- vor 4 Tagen
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Schock für die Schweizer Handballszene: Die Nationalmannschaft verliert das Playoff-Rückspiel in Italien deutlich mit 31:38 und verpasst die WM 2027. Wie es zum Versagen kam – und was nun daraus gelernt werden muss.

Nationaltrainer Andy Schmid verpasst mit der Nati die WM 2027.
Lenny Rubin geht dynamisch in die 1-gegen-1-Situation, der Gegner kann ihn nur unsanft stoppen und kassiert dafür eine Zweiminutenstrafe. Die Szene in der 54. Minute des Rückspiels im WM-Playoff beinhaltete das, was die Schweiz im Duell mit Italien generell vermissen liess: Bedingungslose Einsatzbereitschaft, um einen leidenschaftlichen Gegner in die Knie zu zwingen. «Auf dem Papier waren wir der Favorit. Doch das bringt herzlich wenig, wenn wir diese Rolle nicht so annehmen, wie wir müssten», bedauert Nationaltrainer Andy Schmid.
Aktionen wie jene von Rubin gab es im Schweizer Spiel viel zu wenige, und so geschah das, was nicht hätte passieren dürfen: Die Schweiz gewann zwar am letzten Mittwoch das Hinspiel in Zürich gegen Italien mit 32:29, doch die 31:38-Klatsche am Sonntag in Faenza sorgt dafür, dass sie in der letzten Runde der WM-Playoffs ausscheidet. Der furiose Zwölfte der EM im Januar scheitert an Italien, das nur den 18. Rang belegt hatte. Die Weltmeisterschaft 2027 in Deutschland findet damit ohne uns statt. «Das frisst mich auf. Ich bin extrem enttäuscht», sagt Schmid.

Ein schmerzhafter Abend für den Schweizer Handball: Die WM 2027 in Deutschland wird ohne die Schweiz stattfinden.
Verband wählt das falsche Heimspielstadion
Wie konnte es bloss dazu kommen? Den ersten Fehler beging der Schweizerische Handballverband mit der Auswahl der Heimspielstätte. Das Zürcher Hallenstadion, das für Konkurrenten mit der Kragenweite Deutschlands die richtige Wahl ist, passt nicht zum vergleichsweise kleinen Italien. Rund 4800 Menschen verloren sich im weiten Rund, nie kam jene Hexenkessel-Stimmung auf, welche die Italiener in Faenza erzeugten. «Warum ging man nicht in die Pilatus Arena?», fragte sich manch einer mit Blick auf die 4060 Fans fassende Halle in Kriens.
So mässig die Atmosphäre auf den Rängen in Zürich war, so kraftlos präsentierte sich die Mannschaft in der Startphase – nach 17 Minuten lag sie mit 6:12 zurück. «Wir spielten nicht Handball. Wir spielten nicht unser Spiel», befand Rückraumakteur Luca Sigrist. Die Schweizer fanden aber einen Weg aus der Krise. Torhüter Nikola Portner steigerte sich beträchtlich und wehrte unter anderem fünf Penalties ab. Die Schweiz drehte das Skore, verpasste in der zweiten Hälfte aufgrund eines ungenügenden Rückzugs und suboptimaler Chancenauswertung aber einen höheren Sieg.
Andy Schmid: «Dann fallen wir auf die Schnauze»
In Faenza brachen vor 3500 enthusiastischen Tifosi schliesslich alle Dämme, die Schweiz stolperte in die Kanterniederlage. Phasenweise lag sie mit zehn (!) Toren zurück, der Vorsprung aus dem Heimspiel war früh verspielt. Das Ensemble, das an der WM 2025 und der EM 2026 im Konzert der Grossen begeisterte, lieferte Misstöne en masse. Die Abwehr reagierte anstatt zu agieren. Portner war die fehlende Spielpraxis ebenso anzumerken wie Manuel Zehnder. Der Angriff wirkte statisch, das berüchtigte Tempospiel war kaum zu sehen. Rubin blieb rätselhaft blass. Felix Aellen zeigte, weshalb er in der Bundesliga die Rangliste mit den technischen Fehlern klar anführt.
Zusammengefasst: Italien erteilte in Sachen Emotionalität eine Lektion, die Schweiz bewegte sich weit weg vom eigenen Leistungsmaximum. Dann kommt unsere Mannschaft, die Top-Nationen dominieren kann, gegen vermeintlich Kleinere unter die Räder. «Wenn wir uns dieser Bandbreite nicht bewusst sind, fallen wir auf die Schnauze wie jetzt. Motivation schlägt Talent, wir wirkten blockiert. Jeder trug seinen Rucksack mit sich herum. Wir sind absolut verdient ausgeschieden», bemerkt Schmid, dem es nicht gelang, sein Team adäquat auf diese Herausforderung einzustellen.

Kampf in der Defensive: Gino Steenaarts versucht, den italienischen Angriff zu stoppen.
20 Monate nur Testspiele für die Schweiz
Und nun? Herrscht nach dem Versagen Katerstimmung. Eine Last-minute-Qualifikation via Wildcard wie bei der WM 2025 ist nicht zu erwarten: «Damals hatten wir es uns nach dem Aus gegen Slowenien im Penaltyschiessen verdient, diesmal nicht», betont Schmid. Bis zur Heim-Europameisterschaft im Januar 2028 trägt die Schweiz damit während 20 Monaten nur Testspiele aus. Das ist für ihre und die Entwicklung der gesamten Schweizer Handballszene fatal. «Eine Kurve geht nicht nur immer nach oben. Ich habe befürchtet, dass es irgendwann eine Delle geben wird», erklärt Schmid nach dem ersten Rückschlag in seiner mehr als zweijährigen Amtszeit.
Wie war es möglich, dass in kurzer Zeit ein solch ausgewachsener Wurm ins Schweizer Spiel fand? Hat sich nach dem Höhenflug der jüngeren Vergangenheit etwas Genügsamkeit eingeschlichen? «Vielleicht schon», antwortet Schmid. «Bisher lief alles glatt, das kann trügerisch sein.» Ihm bietet sich künftig die Chance, auf Akteure, die im Nationalteam überfordert wirken, zu verzichten und frisches Blut aufzubieten. Und er hofft, dass dieses sportliche Desaster eine reinigende Wirkung hat. Damit jedem bewusst wird, dass für die Schweizer ohne die richtige Mentalität auf dem internationalen Parkett nichts zu holen ist.
Text Stephan Santschi Bild Foto Wagner




















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