Viele Favoriten und zwei Umbrüche

Die EHF EURO 2022 in Ungarn und der Slowakei steht ganz im Zeichen von Corona. Die üblichen Verdächtigen kämpfen um die Medaillen, Spanien und Deutschland treten mit verjüngten Mannschaften an.


Björn Pazen


Ungarn will mit seinem Torhüter Roland Mikler an der Heim-EM brillieren.



Die Corona-Pandemie prägt auch die EHF EURO 2022, die vom 13. bis 30. Januar in Ungarn und der Slowakei stattfindet. Wie die EHF bekanntgab, dürfen nur geimpfte und genesene Spieler an diesem Turnier teilnehmen, auch sonst gelten (wieder einmal) strenge Corona-Regelungen für Spieler, Offizielle, Medienvertreter und Zuschauer an den insgesamt fünf Spielorten. Verschiedene Teams waren im Vorfeld der EHF Euro massiv von Corona betroffen; die EHF lockerte schliesslich die ursprünglich geltende Vorschrift, dass ein positiv getesteter Spieler 14 Tage lang nicht eingesetzt werden darf. Neu ist dies bereits nach 5 Tagen und zwei negativen PCR-Tests wieder möglich.


Erstes Turnier im neuen Olympia-Zyklus

Die EHF EURO, deren Finalwochenende in der gerade fertiggestellten, neuen Arena Budapest mit einer Kapazität von über 20 000 Fans ausgetragen wird, ist aus sportlicher Sicht vor allem deswegen spannend, weil es das erste Männerturnier im neuen Olympischen Zyklus nach den Spielen von Tokio ist - und weil es dann nur noch zweieinhalb Jahre bis zu den nächsten Olympischen Spielen von Paris 2024 sind. Das Handballturnier wird allerdings im Fussballstadion von Lille ausgetragen - wie bereits einige Spiele bei der WM 2017.


Auch wenn man sich bei der EM 2022 «nur» direkt für die WM 2023 und noch nicht die Olympischen Spiele 2024 qualifizieren kann, wird es schon ein Turnier mit wegweisendem Charakter werden. Mit Ausnahme der deutschen Mannschaft sowie Titelverteidiger Spanien gibt es keine Mannschaft, die nach Tokio einen Umbruch vollzogen hat. Bei Olympiasieger Frankreich hatten die beiden Aussen Michael Guigou und Luc Abalo bereits vor Tokio ihren Rücktritt bekannt gegeben - und sich dann jeweils mit dem dritten Olympiagold verabschiedet. Ikone Nikola Karabatic macht weiter - und will, auch wenn er es offiziell noch nicht bestätigt hat, auch bei den Olympischen «Heimspielen» noch mit an Bord sein.


In Deutschland hatten Kapitän Uwe Gensheimer und Europameister Steffen Weinhold nach Tokio ihren Rücktritt aus dem Nationalteam erklärt, Abwehrchef Hendrik Pekeler macht eine Pause, Torwart Johannes Bitter steht «nur noch im Notfall» bereit - aber über zu wenige hochklassige Torhüter musste sich Deutschland noch nie beschweren. So geht eine verjüngte DHB-Auswahl mit dem neuen Kapitän Johannes Golla (24) an den Start, die nicht nur Olympia 2024 sondern vor allem die Heim-EURO im gleichen Jahr im Fokus hat - und dort qualifiziert sich der Europameister dann auch direkt für Paris/Lille 2024.


Bei Spanien hat eine goldene Generation mit Spielern wie Raul Entrerrios, Julen Aguinagalde oder Gedeon Guardiola «adios» gesagt, die 2018 und 2020 Europameister geworden war und sich 2021 zweimal Bronze bei der WM in Ägypten und den Olympischen Spielen in Tokio gesichert hatte. Zudem muss Topstar Alex Dujshebaev auf die EM wegen einer Schulteroperation verzichten. Trainer Jordi Ribera hat allerdings einen grossen Pool an Talenten, um die Mission Titelverteidigung anzugehen - der grosse Topfavorit sind die Spanier aber diesmal nicht.


Gleicher Modus wie 2020

Im Gegensatz zum Turnier 2020, seinerzeit dem ersten mit 24 Teilnehmern, hat sich die Schweiz bekanntermassen nicht für die EM in Ungarn und der Slowakei qualifiziert. Schweizer Handballfans können die Spiele allerdings über die deutschen Fernsehsender ARD/ZDF (die Spiele der Deutschen) und Eurosport sowie das ORF (nur einige Spiele der Österreicher) verfolgen. SRF 2 überträgt die Halbfinals und den Final.


Der Modus ist 2022 identisch mit dem von 2020: Die 24 Mannschaften starten mit der Vorrunde in sechs Vierergruppen, daraus qualifizieren sich jeweils die Gruppensieger und Gruppenzweiten für die Hauptrunde. An dieser nur scheinbar nicht so hohen Hürde waren 2020 Dänemark und Frankreich allerdings gescheitert. In den beiden Hauptrundengruppen in Budapest und Bratislava kämpfen somit jeweils sechs Teams an vier Spieltagen um den Einzug ins Halbfinale, auch das Spiel um Platz 5/6 wird wieder ausgespielt, auch wenn es möglicherweise keine Bedeutung hat. Die vier Halbfinalisten qualifizieren sich direkt für die WM 2023, die in Schweden und Polen ausgetragen wird.


Melvyn Richardson ist einer der neuen jungen Stars Frankreichs.


Dänemark und Norwegen wenig verändert

Zum Feld der Favoriten gehört definitiv Olympiasieger Frankreich - dessen «nachwachsenden Rohstoffe» wie Kylien Villeminot, Melvyn Richardson oder Nicolas Tournat gerade in der Champions League für Furore sorgen. Daneben sind es natürlich wieder die üblichen Verdächtigen - auch wenn Spanien und Deutschland aufgrund der neuen Teams etwas hinter der Spitze einzuordnen sind.


Dänemark verfügt quasi noch über das gleiche Team, das in Tokio die Silbermedaille gewann - und in dem bereits einige Toptalente auf sich aufmerksam machten wie Mattias Gidsel, der in Tokio zum MVP gewählt wurde. Leitwölfe sind natürlich wieder Torwart Niklas Landin und Weltstar Mikkel Hansen, der einzige Routinier, der aufgehört hat, ist Rechtsaussen Lasse Svan. Die Dänen haben allerdings mit Slowenien, Nordmazedonien und Montenegro eine unangenehme Balkangruppe in der Vorrunde gezogen.


Auch im Team des 2020er EM-Dritten Norwegen hat sich nur wenig geändert, dank Superstar Sander Sagosen, der 2023 aus Kiel ins norwegische Kolstad zurückkehrt. Nach einem eher schwachen Olympia-Auftritt brennt Sagosen auf die EM, wo er auch seinen Torschützentitel verteidigen will. Auch die nordischen Nachbarn aus Schweden haben einiges gutzumachen. In Tokio lief es nicht rund für das Drei-Kronen-Team, das noch im Januar 2021 Vize-Weltmeister geworden war. Im langzeitverletzten Torwart Mikael Appelgren (Rhein-Neckar-Löwen) fehlt aber ein wichtiger Spieler verletzt.


Und was machen die Kroaten? EM-Silber 2020, dann die Olympischen Spiele verpasst und bei der WM in Ägypten enttäuscht - Trainer Hrvoje Horvat hat dem Team nun einiges frisches Blut eingeimpft, zudem soll die Blockbildung der vielen nach Zagreb zurückgekehrten Routiniers für Stabilität sorgen. Vieles wird aber wieder an Spielmacher Domagoj Duvnjak und seiner Form hängenbleiben; dieser wurde jedoch wie Luka Cindric während der Vorbereitung positiv auf das Coronavirus getestet; die beiden stehen zu Turnierbeginn nicht zur Verfügung. Und: die Vorrundengruppe mit Olympiasieger Frankreich, Serbien und der vom Deutschen Michael Biegler trainierten Ukraine ist alles andere als ein Spaziergang.


Portugal und Slowenien gehören sicherlich zum erweiterten Favoritenkreis - und dazu zählt sicher auch einer der Gastgeber: Ungarn. Die treffen in der Vorrunde auf Portugal, Island und die Niederlande - und müssen daher vom ersten Tag an topfit sein. Doch mit den Champions-League-erfahrenen Routiniers wie Torwart Roland Mikler, Spielmacher Mate Lekai oder Kreisläufer Bence Banhidi rechnet man sich einiges aus - speziell mit den frenetischen Fans im Rücken.

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