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«In Ungarn werden die Spieler verwöhnt»

Ungarn ist an der Heim-EM in der Vorrunde ausgeschieden. Für Gabor Vass, den Sportchef von GC Amicitia Zürich, kommt dies nicht überraschend. Zu wenige Spieler würden in ihren Vereinen Leistungsträger sein.


Text: Reto Pfister Bild: zVg.


Die Euphorie war gross in Ungarn. Die Behörden liessen trotz Corona-Pandemie eine vollständige Belegung der Zuschauerplätze zu. 20'000 Besucher füllten die Arena in Budapest bis auf den letzten Platz, wenn das Heimteam antrat. Doch es folgte die grosse Ernüchterung: eine Niederlage gegen Aussenseiter Niederlande, ein Sieg gegen Portugal und zum Abschluss, als ein Erfolg Pflicht gewesen wäre, eine zweite Niederlage gegen Island. Das Turnier war für den Co-Gastgeber bereits nach der Vorrunde beendet.


Und im Land herrschte grosse Enttäuschung. «Offiziell war ein Platz unter den ersten 8 als Zielsetzung», sagt Gabor Vass. Der heute 48-jährige Sportchef von GC Amicitia Zürich erlernte das Handballspielen bei Elektromos Budapest und kam als 20-Jähriger in die Schweiz, wo er für Kadetten Schaffhausen und Pfadi Winterthur spielte. «Inoffiziell war gar von einem Rang unter den erste 4 die Rede.» Und dennoch überrascht Vass nicht, was passiert ist.


Die Spieler werden verwöhnt

Und er holt aus und spricht Klartext. «In Ungarn sind nur drei bis vier Spieler Leistungsträger in ihren Vereinen, bei den Gruppengegnern Portugal, Island und Niederlande ist dies bei zehn bis zwölf Spielern der Fall», sagt er. Und kommt direkt auf das viele Geld zu sprechen, das im ungarischen Handball im Umlauf sei. Die Regierung habe seit 2013 600 Millionen Euro in den Handballsport investiert, das Fünffache des gesamten Jahresbudgets aller Bundesligisten.


Nur werde dieses Geld nicht nachhaltig eingesetzt. Vass führt als Beispiel Telekom Veszprem an, die Nummer 1 in Ungarn. Dieser Verein verfüge hinter Paris St-Germain Handball über das zweithöchste Budget weltweit. «Keiner verdient dort unter 6000 bis 7000 Euro monatlich», sagt Vass. «Es gibt Spieler, die nur die Nummer 16 und 17 im Kader sind und 8000 bis 10'000 Euro erhalten.». Die Löhne befänden sich so deutlich über dem allgemeinen Marktniveau. «Und so gibt es auch kaum einen Anreiz für ungarische Spieler, ins Ausland zu wechseln.»


«Es ist nicht verwunderlich, dass Spieler, die im Verein keine Verantwortung in wichtigen Spielsituationen übernehmen müssen, dies dann in Drucksituationen an einer EM nicht können », sagt der GC-Amicitia-Sportchef. Vass glaubt nicht, dass das frühe Out Anstoss zur Veränderungen geben wird. «Die Spieler werden weiter verwöhnt werden», sagt er. Auch die Ausländer. Der Kroate Marko Kopljar etwa habe in Veszprem pro Monat 25'000 Euro verdient und sei nur zu Teileinsätzen gekommen. Jetzt bei den Füchsen Berlin erhalte er 11'000 Euro und stehe wesentlich länger auf dem Feld.


Halle mehr als halbleer

Das Interesse an der EM ist derweil stark zurückgegangen. Am ersten Hauptrundenspieltag in Budapest waren viele Plätze in der Halle unbesetzt, ohne dass die Regierung oder das OK jetzt plötzlich coronabedingte Beschränkungen verfügt hätten. Nur noch 5000 Zuschauer verfolgten die drei Spiele vor Ort. «Und ich bin mir nicht sicher, dass der Final ausverkauft sein wird», sagt Vass. Am zweiten Hauptrundenspieltag waren dann immerhin 11'000 Besucher anwesend, aber immer noch deutlich weniger, als wenn Ungarn noch im Turnier vertreten gewesen wäre.

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