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«Ich habe ein Gefühl für das Hinterlaufen der Abwehr»


Marvin Lier war am Yellow-Cup der beste Schweizer Torschütze. Vor dem EM-Startspiel am Freitag spricht der 27-jährige Aargauer über seine drei Monate in Flensburg, den ersten EM-Gegner Schweden und seine Rolle als einziger Linksflügel im Kader.

Marvin Lier, mit 19 Treffern waren Sie am Yellow-Cup hinter dem Holländer Kay Smits der zweitbeste Torschütze des Turniers. Wie sieht Ihr Resümee aus?

Ich bin froh, dass es mir so gut gelaufen ist. Doch das ist nicht mein Verdienst allein, sondern immer auch eine Teamleistung. Schliesslich schiesse ich auch die Penalties und die müssen vom Team erarbeitet werden. Welchen Nutzen hatte der Yellow-Cup unmittelbar vor dem EM-Start?

Wir haben weitere Schritte in die richtige Richtung machen können. Wir testeten unser Spiel ohne Andy Schmid, wir spielten die Defensive und die Goalies ein – das braucht nach dem Dazustossen der ausländischen Profis jeweils etwas Zeit. Stark macht uns der Teamspirit. Wir haben Spass zusammen, geben Vollgas und haben grossen Bock, die Schweiz an der EM gut zu vertreten. War Ihnen vor dem Yellow-Cup etwas bange, weil Sie nach Ihrem leihweisen Wechsel zu Flensburg-Handewitt in den letzten drei Monaten nicht viel gespielt haben?

Bange würde ich nicht sagen, aber ein wenig unsicher war ich schon. Ich habe vom Team und von Trainer Michael Suter aber viel Vertrauen gespürt. Zudem habe ich in Flensburg super trainiert, alleine das hat mir schon viel gebracht. Erzählen Sie mehr über diese drei Monate, bitte.

Mein Entscheid, nach Flensburg rauf zu gehen, kam mehr oder weniger vom einen auf den anderen Tag zu Stande. Ich wurde sehr herzlich aufgenommen, fühlte mich schnell wohl. Die Atmosphäre in der «Hölle Nord» mit 6´500 Zuschauern ist unbeschreiblich. Es war klar abgesprochen, dass ich hinter Magnus Jondal nicht zu viel Einsatzzeit kommen würde, trotzdem war es für mich nicht einfach, vom Stammspieler zum Backup zu werden. Beim Abschied wurde ich dann richtig gefeiert, das hatte ich nicht erwartet. Sie wurden vom Trainer und von Mitspielern sehr für Ihr motiviertes Engagement und Ihr positives Auftreten gelobt. Mehr Einsatzzeit wäre Ihnen aber lieber gewesen, oder?

Klar hätte ich mir mehr Einsatzzeit gewünscht. Da ich aber nur für drei Monate verpflichtet worden war, machte es aus Sicht des Klubs keinen Sinn, einen arrivierten Spieler für mich auf die Bank zu setzen. Drei Monate waren für mich okay so, ich erhielt viele Inputs, die Spielzeit ist da nicht das Wichtigste. Hätte meine Situation länger so ausgesehen, hätte ich mich aber fragen müssen, ob es das Richtige ist. Auf welche Art und Weise haben Sie von Ihrem Bundesliga-Abstecher profitiert?

Physisch machte ich nochmals einen Schritt vorwärts, ich bin dynamischer geworden. Und ich habe von diesem Selbstverständnis auf dem höchsten Niveau profitiert, das gibt Sicherheit. Mein Highlight war der Einsatz in der Champions League in Barcelona (Lier war mit sechs Treffern der Toptorschütze von Flensburg, Anm. d. Red.). Flensburg-Handewitt war in den vergangenen beiden Saisons Meister, aktuell liegt es aber nur auf Platz drei und hat bereits zehn Minuspunkte kassiert.

Es lief nicht so reibungslos wie in den letzten zwei Jahren, als man die Konkurrenz dominiert hatte. In dieser Liga kann alles passieren. Kiel unterliegt zu Hause Wetzlar mit sieben Toren, wir verlieren in Ludwigshafen und siegen zwei Tage später bei den Rhein-Neckar Löwen. Wer sich am wenigsten negative Überraschungen leistet, wird am Ende Meister sein. Werden Sie nach der EM die Saison bei Pfadi Winterthur beenden?

Stand jetzt, ja. Aber mittlerweile weiss ich, dass im Handball nie etwas ganz klar ist. Im Gegensatz zum Klub werden Sie an der EM mit dem Nationalteam zu reichlich Einsatzzeit kommen, Sie sind der einzige nominelle Linksflügel im Kader. Wie sehen Sie diese Situation?

Ich freue mich mega auf diese Spielzeit, Michael Suter setzt stark auf mich. Daran habe ich mich etwas gewöhnt, ich war zuletzt oft der einzige nominelle Linksflügel in seinem Konzept. Sollte es mir nicht wunschgemäss laufen, können mich aber Lukas von Deschwanden und Roman Sidorowicz gut vertreten. Früher spielten Sie am Kreis, richtig?

Ja, bis zur U17-Nationalmannschaft war ich Kreisläufer. Beim Übertritt in den Männerbereich reichte es mir körperlich nicht mehr auf dieser Position und es kam zum Wechsel an den Flügel. Ich war sehr gerne am Kreis und laufe noch heute gerne vom Flügel an den Kreis ab und mache meine Tore. Ich habe ein Gespür für das Hinterlaufen der gegnerischen Abwehr. Am Freitag beginnt für die Schweiz die EM mit dem Spiel gegen Gastgeber Schweden im mit 12'000 Zuschauern ausverkauften Scandinavium in Göteborg. Wo liegt die Chance der Schweiz?

Wir haben nichts zu verlieren und wollen etwas mitnehmen, wenn sich uns die Chance dazu bietet. Wichtig wird sein, dass wir solid decken und einen guten Goalie haben. Und dann wollen wir vorne mit dem 7:6-Überzahlspiel unangenehm, aber auch sicher spielen, damit wir nicht zu viele Tore ins leere Gehäuse kassieren.

Stephan Santschi

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